Die Dritte Generation – Szenisches Erinnern der Shoah.

Eine Untersuchung zur transgenerationalen Tradierung extremen Traumas an Nachkommen von Überlebenden in Deutschland

 Projektstatus
Pilotstudie: 2017; Hauptstudie: 2019–2021

Projektleitung
Dr. Kurt Grünberg (SFI Frankfurt a. M., DPV/IPA)

Leitung der gruppenanalytischen Expertenvalidierung
Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl (KatHO NRW, D3G)

Leitung der Gruppe „Dritte Generation“
Elli Kaminer-Zamberk (SGAZ)

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen
Dipl.-Psych. Simon E. Arnold
Dipl.-Psych. Lena Dierker
Sc. Psych. Tom David Uhlig

Supervision
Dr. med. Friedrich Markert

Wissenschaftliche Beratun
Prof. Dr. Patrick Meurs (SFI Frankfurt a. M., Universität Kassel)
Prof. Dr. Astrid Messerschmidt (Bergische Universität Wuppertal)

Kooperationspartner
Bildungsstätte Anne Frank

PraktikantInnen
Charlotte Beine
Jakob Eisemann

Zahlreiche Untersuchungen belegen die transgenerationale Tradierung der Extremtraumatisierung von Überlebenden der Shoah an deren Töchter und Söhne, die Zweite Generation. Bezogen auf die Dritte Generation, die Enkelinnen und Enkel, gibt es bislang nur wenig eindeutige Erkenntnisse. In einem elaborierten multi-methodischen Ansatz sollen nun gruppenanalytische und psychoanalytische Methodiken verbunden werden, um zu einem erweiterten Verständnis der Erfahrungen der Dritten Generation, speziell in Deutschland, beizutragen.

Gegenstand des geplanten Projekts sind die Identifizierungen, Loyalitäten und Konflikte der Dritten Generation, wie sie im privat-familialen oder gesellschaftlich-kulturellen Kontext ihren vor allem szenischen Ausdruck finden. Es soll erforscht werden, welche Bedeutungen die Verfolgungserfahrungen der Großeltern für das Leben der Dritten Generation heute haben. Eine bedeutsame Rolle spielt dabei auch der aktuelle Antisemitismus. Daher legt die Studie ein besonderes Augenmerk auf die Antisemitismuserfahrungen der Dritten Generation, ihre Befürchtungen, Sorgen und Ängste sowie ihre Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien. Mit dem Szenischen Erinnern der Shoah steht die Untersuchung der unbewussten Prozesse der transgenerationalen Tradierung extremtraumatischer Erfahrungen, die über das Nonverbale und Szenische vermittelt werden, im Zentrum des Forschungsprojekts.

Andere Untersuchungen brachten in ihrer methodisch-konzeptuellen Perspektive entweder als Analyse klinischer Einzelfälle oder als klassisch-quantitative Studien inkonsistente Ergebnisse hervor. Dabei besteht die Gefahr, den Opfern und ihren Nachkommen entweder psychopathologische Symptome vorzuhalten oder aber mit Verweis auf das Resilienz-Konzept das Tiefgreifende der Traumatisierung zu verkennen. Neben den im Mittelpunkt der Studie stehenden Gruppensitzungen mit Angehörigen der Dritten Generation in einem nicht-klinischen Setting werden auch psychoanalytische Fallvignetten untersucht. Dazu baut die Studie auf den Ergebnissen eines Pilotprojekts von 2017 auf, in dessen Rahmen die Methoden und Abläufe geprüft, wissenschaftlich validiert und Hypothesen generiert wurden. Erste Erfahrungen aus dieser Pilotstudie werden derzeit zur Publikation vorbereitet.

Die Einsichten in die diffizilen Prozesse der unbewussten Trauma-Tradierung sind für die psychotherapeutische, pädagogische und soziale Arbeit mit Überlebenden und ihren Nachkommen von grundlegender Bedeutung. In Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern und wissenschaftlichen BeraterInnen sollen deshalb Weiterbildungsangebote für psychosoziale Fachkräfte und pädagogische MultiplikatorInnen, z. B. in Form von Handreichungen für Lehrkräfte, erarbeitet werden. Zudem sollen die Ideen und Vorschläge für Schutz und Prävention vor sowie Interventions-, Bildungs- und Unterstützungsangebote gegen Antisemitismus eruiert werden. Mit seiner Fokussierung auf Europa, insbesondere auf Deutschland – das „Land der Täter“ – erweitert das Projekt zudem die Perspektive früherer Forschungen zur Dritten Generation in den USA, in Kanada oder in Israel.